Ein Stück Heimat
Ein Abend im Luzii in der Rosa-Luxemburg-Straße, zwischen Hackeschen Höfen und Alexanderplatz. Die Speisekarte liest sich wie eine Liebeserklärung an die deutsche Küche: Cordon bleu, Leipziger Allerlei, feine und grobe Bratwurst oder Falscher Hase im Blätterteig. Gerichte, die viele Gäste aus ihrer Kindheit kennen – hier jedoch neu interpretiert, ohne ihren ursprünglichen Charakter zu verlieren.
Das freut uns besonders, da sich die Möglichkeiten für gute Deutsche Küche in Berlin eher als trostlos erwiesen.
Aber zurück zum Luzii und ja, die Namensfindung hatte schon etwas mit dem Spruch „Und ab geht die Luzie“ zu tun. Falls Sie das genauer wissen wollen, befragen Sie beim Restaurantbesuch einfach mal die Crew vor Ort dazu.
Wir wollten nach allem Probieren einen „Berliner Teller“ küren und da fiel unsere Wahl ganz klar auf den „Falschen Hasen“. Er kommt in einem dünnen Blätterteigmantel daher, flankiert von einer feinen Bratensauce. Ein Gericht, das auf den ersten Blick bodenständig wirkt, aber bereits mit dem ersten Bissen zeigt, wie viel handwerkliche Präzision dahinterstecken.
Die saftige Fleischfüllung mit gepickeltem wachsweichem Ei wird von einem goldbraun gebackenen, buttrigen Blätterteig umschlossen. Dazu eine feine Bratensauce, die über zwei Tage reduziert wurde. Nichts wirkt überladen, nichts sucht den schnellen Effekt. Stattdessen entsteht ein Teller voller Wärme, Erinnerung und Geschmack – ein Berliner Teller im besten Sinne (siehe Beitragsbild).
Deutsche Küche mit zeitgemäßer Handschrift
Aber von vorn. Mitten im pulsierenden Zentrum Berlins hat sich das Luzii einer Küche verschrieben, die heute beinahe selten geworden ist: der deutschen Wirtshaus- und Landküche. Allerdings nicht als nostalgische Kopie vergangener Zeiten, sondern als zeitgemäße Interpretation klassischer Komfort-Food-Aromen.
Während viele Restaurants auf internationale Trends setzen, konzentriert sich das Luzii auf regionale Produkte, handwerkliche Zubereitung und saisonale Vielfalt. Das Ergebnis ist eine Küche, die vertraut wirkt und gleichzeitig überrascht.
Trotz der gut frequentierten Lage sitzt man sehr schön im Außenbereich, der Gastraum ist nicht zu rustikal, in den Wandregalen stehen eingeweckte und fermentierte Konserven aus der Küche und die ist offen einsehbar, nur durch eine Glasscheibe getrennt.
Vom Feld auf den Teller
Das Konzept der Küche: Verarbeitung saisonaler und regionaler Produkte (das behaupten viele, im Luzii ist das aber spürbar), Herkunft sind gute Betriebe aus dem Berliner Umland und Brandenburg. Das sind dann meist Produkte wie Fisch und Fleisch, denn das verwendete Gemüse kommt aus dem eigenen brandenburgischen Garten.
Der Gedanke „vom Feld auf den Teller“ ist hier keine Marketingformel, sondern gelebter Alltag. Gourmet-Schischi sucht man hier vergebens. Leute allerdings, die eine ambitionierte Regionalküche suchen, sind hier genau richtig.
Chef am Herd Finn
Verantwortlich für die Küche ist der 30-jährige Finn Stark. Der gebürtige Bonner wuchs in Berlin-Friedenau auf und machte zunächst auch eine Kochlehre in der Hauptstadt. Es folgten Wanderjahre, bei denen er seine handwerklichen Fähigkeiten unter anderem bei Tim Raue und Johannes King erweiterte.
Diese Einflüsse sind im Luzii erkennbar. Stark verfolgt einen Ansatz, der hochwertige Zutaten in den Mittelpunkt stellt und ihnen genügend Raum gibt, ihren eigenen Charakter zu entfalten. Statt komplizierter Inszenierungen setzt er auf Geschmack, Klarheit und handwerkliche Sorgfalt.
Auf die Frage, warum er der Sterneküche den Rücken gekehrt hat, sagt er: „Meine Erfahrungen, die ich bei Tim Raue – nicht nur in Berlin – sammeln konnte waren der Wahnsinn. In der Küche von Johannes King auf Sylt zu arbeiten? Eine Ehre. Tolle Kollegen die meinen Dank für das Gelernte ehrlich verdienen. Für mich sind 36 Handgriffe für eine Tellerkomponente nicht entscheidend. Ich möchte, dass das saugute Produkt der King des Gerichtes ist.“ So sprach er und verschwand wieder in seiner Küche.
Dort wartet schon Oscar, genau Demi Chef de Partie Oscar Jacobs, 27 Jahre aus Malmö / Schweden. Er arbeitet konzentriert und routiniert, schwatzen und lächeln – Fehlanzeige.
Gastgeberin Teresa
Jetzt muss nur noch der Service stimmen (und meist stimmt der gerade nicht). Dank Restaurantleiterin Teresa Claessens – die übrigens ohne Weiteres im Hollywood-Film „Teresas Lächeln“ die Hauptrolle spielen könnte – macht auch das „sich-verwöhnen-lassen“ große Freude. Die 27-Jährige, geboren in Borken, aufgewachsen in Hamburg, hat an der renommiertesten Universität in Leiden (Niederlande) studiert und ihren Masterabschluss im Fach Internationale Beziehungen erworben. Wir fragen, wie dieser Abschluss ins Restaurant passt? „Mir ist wichtig, mit Menschen zu arbeiten und ein direktes Feedback zu bekommen. Während des Studiums habe ich schon in der Gastronomie gearbeitet. Als die Luzii-Inhaber mich fragten, ob ich mir den Job in Berlin vorstellen könnte, habe ich zugesagt.“ Seit Ende 2024 ist sie nun in der Hauptstadt, fühlt sich sehr wohl und wieder lächelt sie.
Die Renaissance des deutschen Comfort Foods
Das Luzii zeigt eindrucksvoll, wie modern deutsche Küche heute sein kann. Klassiker wie Cordon bleu, Leipziger Allerlei, Bratwurst oder Falscher Hase werden hier nicht neu erfunden, sondern mit Respekt vor ihrer Tradition und einem hohen Anspruch an Qualität weiterentwickelt. Verarbeitet wird, was die Saison hergibt und dabei sind der feine Kohlrabisalat, das Rettichcarpaccio, das selbst fermentierte Sauerkraut oder die gepickelte gelbe Bete fein und einfach köstlich.
Das Restaurant Luzii in Berlin beweist, dass die gute deutsche Küche keineswegs altmodisch sein muss. Sie treffen den Nerv der Zeit und zeigen, wie gelebte Nachhaltigkeit und zurückhaltende Servicefreundlichkeit Hand in Hand gehen können.
P.S. Zwei Sachen gehen leider nicht: anrufen und bar zahlen!