Viele Antiquare leiden, wenn sie ihren Beruf ernst nehmen, an einer gewissen Bibliomanie – auf jeden Fall sind sie leidenschaftliche Jäger und Sammler. Ob zu Hause, auf dienstlichen Reisen oder im Urlaub – Buchauktionen, Bibliotheksauflösungen und Flohmärkte ziehen sie magisch an – wie ein Magnet die Eisenspäne. Wir wissen, wovon wir reden, denn uns geht es wie den meisten Kollegen: Überall vermuten wir, vielleicht Beute machen zu können.
THE ARTISTRY OF MYXING DRINKS, das Buch, mit dem wir uns heute beschäftigen wollen, entdeckten wir beispielsweise in Kairo, im District Sayyidah Zainab. In diesem Viertel im Süden der ägyptischen Hauptstadt, benannt nach der gleichnamigen Moschee, gibt es Dutzende Buchläden und Buchmärkte.
Man erreicht den Ort übrigens bequem mit der U-Bahn, aber auch jeder Taxifahrer in der 10-Millionen-Metropole weiß sofort, wo es hingehen soll, wenn man ihm als Fahrtziel „to the books under the bridge“ nennt. Wer sich hier auf die Jagd nach bibliophilen Raritäten begibt, braucht allerdings einen guten Riecher, einen langen Atem und das gewisse Quäntchen Glück.
Ein Buch zwischen hunderten
Vor allem Letzteres hatten wir wohl, als wir in einem mit antiquarischen Büchern vollgestopften Haus unter hunderten arabischen Titeln den Band THE ARTISTRY OF MIXING DRINKS fanden – nicht etwa ein Reprint des berühmten Bar-Buches, sondern eins der 1936 in Paris erschienenen 1.026 Exemplare der ersten und einzigen Auflage.
Der Autor des im Art-déco-Stil gestalteten und mit vielen Karten, Tabellen, Zeichnungen und etlichen (aus heutiger Sicht historisch interessanten) Anzeigen ausgestatteten Werkes ist Frank Meier, ein zu seiner Zeit legendärer Mixologe.
Der 1884 in Österreich geborene Meier verließ Anfang des 20. Jahrhunderts seine Heimat, zog nach New York und erlernte im dortigen Hoffmann House Hotel die Cocktail-Kunst.
Im Zuge der Prohibition in den USA (1920–1933) kehrte er zurück nach Europa und wurde 1921 Barkeeper des berühmten Hotel Ritz am ebenso berühmten Place Vendéme in Paris. 15 Jahre und ein paar tausend Cocktails später schrieb er hier sein Buch – ein Buch aus dem Ritz, dessen kleine Auflage sicherstellte, dass es nur Leute lesen, die sich das Ritz auch leisten können.
Frank Meiers THE ARTISTRY OF MIXING DRINKS ist kein allumfassendes Lehrbuch der Mixologie wie etwa Otto Bluniers ein Jahr zuvor erschienenes „The Barkeeper’s Golden Book“.
Der Schweizer, Zeitgenosse Meiers und Bartender in Zürich, vereinte in seinem Werk nicht nur Cocktailrezepte und deren Zubereitungstechniken, sondern lieferte auch detaillierte Erläuterungen zur alkoholischen und nichtalkoholischen Grundausstattung von Bars, zu Barwerkzeugen und Barmöbeln sowie zu Anforderungen an Bewerber für seinen Berufsstand.
Frank Meier hingegen beließ es bei der knappen Beschreibung jener Cocktails, die er den illustren Ritz-Bar-Gästen servierte – zumeist Klassiker der amerikanischen Mischgetränke-Kultur, aber immerhin auch vierzig eigene Kreationen.
Das Rezept für seinen Cocktail B. V. D. beispielsweise liest sich so: „One-third Bacardi Rum, Vermouth and Dubonnet. Stir well and serve.“ Und das für den N.C.R.-Drink lautet: „Noilly Prat, Crème de Cacao, Rum. Stir well and serve.“ Überhaupt die Kürzel: Neben den bereits genannten gibt es den R. A.C., den D.O.M., den H.R.W. und den H.P.W. Cocktail…
Wie Meier zum legendären Barkeeper wurde
Im Juni 1940 sind viele von Meiers Gästen mit Rang und Namen verschwunden, dafür machen sich weniger vornehme, uniformierte Männer im Ritz breit. Der II. Weltkrieg geht in den zehnten Monat, Hitlers Wehrmacht hat Paris besetzt, und das noble Hotel wird Hauptquartier von Hermann Göring.
Meier servierte auch dem Reichsmarschall und Chef der deutschen Luftwaffe, dem Militärgouverneur von Paris, Otto von Stülpnagel, seinem Stabschef Hans Speidel und deren Entourage mit routinierter Eleganz seine Cocktails – doch hinter seinem höflichen Lächeln verbarg sich die Augst.
Er wusste, dass jeder Drink, den er mixte, sein letzter sein könnte, denn Frank Meier war Jude. Mehr noch: Der legendäre Barkeeper übermittelte Pläne der Besatzer, die er an seinem Tresen aufschnappte, dem französischen Widerstand.
Die kanadische Publizistin und Mediendesignerin Nathalie Baylaucq nennt ihn sogar eine „sleeping mailbox between French and Allied resistance networks“.
Obwohl Meier nach dem Krieg (der Barkeeper starb, 63-jährig, 1947 in Pantin) nur wenig über die dunklen Jahre der Besatzung sprach, gilt es als gesichert, dass das Ritz –Historiker beschreiben es als „eine Miniaturversion des besetzten Frankreichs“ – tatsächlich auch ein Ort des Widerstands gegen die Nazis war, an dem falsche Papiere für Juden ausgefertigt wurden und sowohl Mitglieder der Résistance als auch einige der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944 konspirierten…
Übrigens: Der französische Journalist Philippe Collins fand das Leben von Frank Meier derart spannend, dass er es 2022 zum Gegenstand eines Romans machte (Le barman du Ritz), der im August 2025 auch in deutscher Sprache erschien (Insel Verlag).
Philippe Collins lesenswerten Roman über die Barkeeper-Legende Frank Meier war offenbar auch der Anlass für eine Reihe später Würdigungen des Cocktail-Künstlers.
So erschien beispielsweise 2024 sein Standardwerk THE ARTISTRY OF MIXING DRINKS erstmals in französischer Sprache (L’Art du Cocktail, Édition Albin Michel), große Tageszeitungen widmeten dem Mix-Meister lange Artikel, sogar von einem internationalen Filmprojekt ist die Rede.
Eine Wertschätzung des berühmten Buches von Frank Meier hat uns als Antiquare besonders angesprochen. Sie stammt von Martin Stein, Gastronom, Autor, Übersetzer und Verleger (Karthaus Verlag) aus Regensburg.
In einem Beitrag über Barbücher für das in Berlin herausgegebene Magazin Mixology bezeichnet er Meiers THE ARTISTRY OF MIXING DRINKS „als einen der prachtvollsten (und teuersten) Bände, die eine Bar-Bibliothek je beherbergen wird.“
Noch mehr finden Sie in der GARÇON-Ausgabe!