Bio-Öle aus Blumenthal

Blumenthal auf den ersten Blick: ein properes Örtchen mit denkmalgeschütztem Bahnhof, sehenswerter Dorfkirche, einer Grundschule, einem Tante-Emma-Laden, etlichen Handwerksbetrieben und seit vier Jahren mit einer Ölmühle und Duftmanufaktur.

 

Über die Gründer

Gründer und Inhaber der Unternehmung sind Frank Marienfeld und Dirk Schwibbert, zwei Männer, die über Standortansprüche von Ölsaaten ebenso kompetent parlieren wie über die gesundheitlichen Wirkungen von Speiseölen oder die speziellen Duftnoten von ätherischen Ölen. Das verwundert nicht, schließlich sind die beiden Ölmüller.

Eher erstaunt es, dass man mit Frank Marienfeld und Dirk Schwibbert auch über aktuelle Bühnenstücke, literarische Neuerscheinungen oder angesagte Filmpremieren trefflich diskutieren kann. Danach gefragt, klären sie auf: Marienfeld, 58, hat Germanistik und Theaterwissenschaften studiert, der 62-jährige Schwibbert ist diplomierter Musik-, Kommunikations- und Wirtschaftswissenschaftler.

Beide waren viele Jahre erfolgreich in der Medienbranche tätig, hängten ihre Jobs jedoch für die Ölmüllerei an den Nagel. Spät berufene Aussteiger also? „Wer will, kann das so sehen“, lacht Frank Marienfeld, „wir betrachten uns eher als Einsteiger.“

Marienfeld wurde im hessischen Hanau geboren und wuchs in München auf, Schwibbert stammt aus Neuwied, einer Stadt im Rheinland. Dass man ihnen ihre Herkunft nicht mehr anhört, liegt wohl daran, dass die beiden Männer in ihrem Leben viel herumgekommen sind und dabei die heimatlichen Dialekte mit der Zeit verloren gingen. Kennengelernt haben sich Frank Marienfeld und Dirk Schwibbert schließlich in Berlin.

Marienfeld arbeitete in einem Medienunternehmen, das im Bereich auditiver Dienstleistungen tätig war; Schwibbert realisierte in seinem Studio Mainland Media Hörspiele und Hörbücher, etwa das „Anne Frank Tagebuch“ (2009) oder das Hörbuch, „Resturlaub“ (2010), das ihm sogar eine Goldene Schallplatte einbrachte. Wie in der Branche üblich – man kannte sich, man traf sich, man sprach auch mal über Dinge, die nicht zum Job gehörten – und irgendwann wuchs die Idee, gemeinsam eine neue Herausforderung zu suchen.

Alles fing mit Lavendel an

Und wie das bei lebenserfahrenen Menschen, die halbe Sachen hassen und das zu verwirklichen suchen, was sie sich einmal vorgenommen haben, so ist, machten sich Frank Marienfeld und Dirk Schwibbert frisch ans Werk. Motto: In der Ruhe liegt die Kraft, in der Unruhe die Idee.

Und davon gab es einige, bevor sie die Ölerzeugung fest in Blick hatten. „Nach reiflichem Überlegen und einigen gedanklichen Kurskorrekturen stand unser Plan“, erklärt Dirk Schwibbert, „wir wollten Lavendel anbauen und Lavendelöl erzeugen.“ Geeignete Ländereien für ihr Vorhaben fanden sie nach langem Suchen schließlich im Prignitzdorf Blumenthal und – vielleicht noch wichtiger – mit dem gelernten Landwirt und studierten Landtechniker Andreas Müller nicht nur den Verpächter eines respektables Anwesens, sondern auch einen kenntnisreichen Mitstreiter. Frank Marienfeld: „Blumenthal war für uns ein ausgesprochener Glücksfall und Andreas ein Volltreffer.“

Lavendel also. In einer Gegend, in der normalerweise Getreide, Kartoffeln und Mais angebaut werden, erregte das natürlich Aufsehen. Und nicht nur das. Im Blumenthaler Gemeindekirchenrat, dem sie ihr Konzept vorstellten –  die Äcker, die sie pachten wollten, waren Kirchenland – schüttelten einige Mitglieder skeptisch die Köpfe, andere erklärten sie schlicht für verrückt. Den Zuschlag bekamen sie dennoch. Als sich das in Blumenthal herumsprach, hatten Frank Marienfeld und Dirk Schwibbert ihren Beinamen weg: „Die Lavendelmänner“.

Im Frühjahr 2022 bestellten sie anderthalb Hektar ihres Pachtlandes mit Lavendel. „Mit Echtem Lavendel“, betont Frank Marienfeld, „Lavandula angustifolia, der einerseits für seinen intensiven Duft, vor allem aber seinen hohen Gehalt an ätherischen Ölen bekannt ist.“ Und sie hatten Glück. Weil es der von den Kanarischen Inseln und aus dem einstigen Persien stammende Lippenblüter warm und trocken mag und der Sommer ’22 warm und trocken war, gediehen die Pflanzen prächtig. So prächtig, dass etliche Blumenthaler heimlich, still und leise zum Feld der Lavendelmänner pilgerten und die duftende Pflanze zum Gesprächsthema im Dorf wurde.

Man redete über ihre wohltuenden Wirkungen, möglicherweise über die Nonne, Heilkundige und Äbtissin der Klöster Disibodenberg und Rupertsberg Hildegard von Bingen, die getrockneten Lavendelblüten die Fähigkeit zusprach, „für reines Wissen und einen reinen Verstand zu sorgen“. Vielleicht auch über die Alten Römer, die mit Vorliebe Lavendelbäder nahmen und auf deren lateinisches „lavare“ = waschen der Pflanzenname vermutlich zurückgeht… Frank Marienfeld und Dirk Schwibbert knüpften derweil Kontakte zu Wissenschaftlern etwa der Technischen Universität Berlin und des Forschungsinstituts für Bergbaufolgelandschaften Finsterwalde, erwarben in Kroatien eine Apparatur zur Wasserdampfdestillation und begannen, Lavendelöl herzustellen. Schon das konnten Marienfeld und Schwibbert als Erfolg verbuchen.

Das eigene Premium-Öl aus Blumenthal

Grund zum Jubel allerdings lieferte erst die biochemische Analyse ihres Öls. Deren Ergebnis: Ihr ätherisches Öl aus den Blüten des Echten Lavendels enthält genauso viel Linalylacetat wie die Premiumprodukte aus Südfrankreich. „Dieses Linalylacetat, ein Linalool-Ester, bestimmt maßgeblich die Qualität des Lavendelöls“, so Schwibert, „je höher Estergehalt, desto besser die Ölgüte.“

Den brillianten Anbau- und Verarbeitungstests mit Echten Lavendel folgten nicht minder erfolgreiche Versuche mit weiteren Kulturen: Italienischer Stroblume, auch Italienische Immortelle genannt, ein Korblütler aus dem Mittelmeerraum; Moldawischem Drachenkopf, einem Lippenblütler, der vor allem in Asienverbreitet ist,  sowie mit Römischer Kamille und mit Thymian. „Sie alle liefern ätherische Öle“, so Frank Marienfeld, „die beispielsweise in der Aromatherapie, in Hautpflegeprodukten oder für die Raumbelüftung Anwendung finden.“

Wer nun meint, dass sich angesichts des kleinen Blumenthaler Ölrauschs nun Radio-, Fernseh- und Zeitungsmenschen in dem Prignitzdörfchen die Klinke in die Hand geben würden, irrt allerdings. Das mediale Interesse hielt sich in Grenzen. Einerseits erstaunlich, andererseits verständlich. Der letzte Winkel Brandenburgs ist eben noch immer j. w. d. Frank Marienfeld lächelt: „Sicher ist kostenlose Marketinghilfe, allemal für Startups, nicht schlecht, aber es geht natürlich auch ohne solche Unterstützung.“

Tatsächlich wurde aus den anfangs belächelten Anbautests von Lavendel, Immortelle, Drachenkopf und Co. ein richtiger Anbau und aus den Probedestillationen ätherischer Öle eine inzwischen ansehnliche Produktion. Dass dieser Weg weder konfliktfrei noch problemlos war, deutet Marienfeld an: „Unsere Landwirtschaft war von Anfang an biologisch und natürlich biozertifiziert“, sagt er, „das wollten wir so, das hat sich gut angefühlt, aber auch herausgefordert.“ Er nennt die Stichworte Bodenverbesserung und Unkrautbekämpfung und man ahnt, was er meint…

Dennoch planten die beiden Ölmüller mit der ihnen eigenen Weitsicht und mit Andreas Müller im Boot die nächsten Schritte. Der erste: Vorbereitung und Realisierung der Produktion von Speise- und Würzölen. Der zweite: Einrichtung und Eröffnung eines eigenen Hofladens in Blumenthal. „Die Herstellung von Speiseölen ist relativ einfach“, so Marienfeld, „man braucht eine Ölpresse, kauft irgendwo Ölsaaten, Raps, Mohn oder Senf zum Beispiel, presst sie, fertig.“

Das Blumenthaler Duo ging einen anderen Weg. „Wir haben begonnen, neue Wertschöpfungsketten in unserer strukturschwachen Region aufzubauen“, erläutert Dirk Schwibbert, „indem wir ortsansässige Bio-Bauern überzeugten, Ölsaaten und Kräuter für unsere Speise- und Würzöle anzubauen.“

Zu ihrem Produzentennetzwerk gehört neben anderen auch der Bio-Bauer Jan-Steffen Grünhagen aus Wernikow, der für die Blumenthaler Ölmüller Leindotter anbaut, aus dem sie das an Omega-3-Fettsäuren reiche und geschmacklich einzigartige Leindotteröl pressen, das derzeit als Gourmetöl eine Renaissance erlebt. Es gehört neben nativem, kaltgepresstem Raps-, Senf-, Lein- und Mohnöl sowie Sonnenblumen- und Schwarzkümmelöl ebenso zum derzeitigen Sortiment der Landeria UG wie zwölf verschiedene Würzöle.

www.landeria.de

 

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