BERICHTE
TOP BERICHTE
- Messen à la Carte - Auf der Suche nach guten Küchenwerkzeugen
- 80. Geburtstag
- Klassiker am Kudamm: Eisbein & Co in der Schildkröte
- Kresi Körri Konkurrenz für Konnopke & Co
Selbst Drittklässler müssen über den Sinn und Zweck von Messen nicht lange nachdenken. Hersteller präsentieren ihre Neuheiten, Händler können sich informieren, Kontakte knüpfen und pflegen, Sortimente ergänzen und erneuern. Das gilt für die Automobilbranche ebenso wie für den Bereich der Küchenwerkzeuge. Was so pragmatisch klingt, ist es jedoch meist nicht.
Wir begleiteten den Berliner Haushaltswarenhändler und Garcon-Kolumnisten Andreas Langholz auf seinem Messetrip 2010 und erlebten in Mailand, im dänischen Herning und in Frankfurt am Main einerseits die gigantischen Werbeauftritte der Branchenriesen und andererseits die Versuche, wenigstens einen Bruchteil der Besucheraufmerksamkeit zu erhaschen.
Dass sich Küchengeräte am besten verkaufen, wenn bekannte Köche deren Vorzüge preisen, scheint – so unser Eindruck – eine deutsche Erfindung zu sein. So trafen sich Dieter Müller und Jamie Oliver (unser Foto) in Frankfurt am Stand der Groupe SEB, einem französischen Konzern, unter dessen Dach sich so bekannte Marken wie Krups, Moulinex oder Rowenta versammelt haben. Müller wirbt hier für Al-Clad-Kochgeschirr, Oliver für Tefal-Pfannen. Gleich um die Ecke preist Cornelia Poletto die Vorzüge von ASA-Porzellan und Lurch-Geräten an. Johann Lafer steigt für WMF ins Werbeboot, sein Freund Horst Lichter für Küchenprofi und Alfons Schuhbeck schließlich vermarktet seinen Namen auf einer Messerkollektion der Mannheimer Firma adHoc.
Für vergleichsweise winzige Betriebe sind Cornelias Lächeln oder Alfons erhobener Zeigefinger außerhalb der finanziellen Reichweite. Sie müssen darauf vertrauen, dass Händler wie Langholz sie entdecken.
Zwischen den beiden Bildern auf dieser Seite liegen 73 Jahre. Dieter Großklaus - 1937 als Erstklässler in seiner thüringischen Geburtsstadt Mühlhausen und am 3. März 2010 während des Empfangs anlässlich seines 80. Geburtstages im Harnack-Haus in Berlin-Dahlem. Lebenswege. Lebensleistung. Abitur in Mühlhausen, Studium der Veterinärmedizin in Berlin, Promotion zum Dr. med. vet., Amtstierarzt. Berufungen in nationale und internationale Gremien, Professor, Forscher, Hochschullehrer. 1985 bis 1993 Präsident des Bundesgesundheitsamtes.
„Das Amt mit seinen sieben Instituten diente der Gesundheit der Bevölkerung“, sagt er heute. Stichworte markieren, was sich hinter diesem schlichten Satz verbirgt: Verbesserung des gesundheitlichen Verbraucherschutzes, Erforschung von Hygienedefiziten, Bekämpfung von Tierkrankheiten, Erhöhung der Lebensmittelsicherheit…
Last but not least: Seit 1997 sitzt Professor Dieter Großklaus einer Jury vor, die jedes Jahr an Köche in Berlin und Brandenburg den Titel „Meisterkoch“ vergibt. Er ist ein Mann, dem Berlin viel zu verdanken hat. Glück auf, Professor!
Zufallsbekanntschaft auf dem Kurfürstendamm. Zwei jüngere Leute, wie sich später herausstellte, aus dem südenglischen Plymouth hielten mir ein silberfarbenes Büchlein unter die Nase, das, wie sich ebenfalls später herausstellte, ihre Eltern während eines Berlin-Besuches 1987 gekauft hatten.
Zwischen den Seiten 76 und 77 ein Zettel, die Angaben „Heinz Holl, Damaschkestraße 26“ sowie „die knackigsten Bratkartoffeln zur Hausmachersülze“ unterstrichen, „die größten und besten Kohlrouladen Berlins“ sogar doppelt.
„Mein Gott, Heini Holl“, erwiderte ich und versuchte in klirrender Kälte mit wenigen Sätzen zu erklären, dass es diese Art Gastronomie kaum noch gäbe. Doch Fay und Gary, so hießen die beiden – auch das stellte sich späterheraus – ließen nicht locker. Nach einigen Telfonaten mit kenntnisreichen Kollegen landeten wir schließlich in der Schildkröte, der wahrscheinlich letzten bestbürgerlichen Berliner Bouletten-Bastion dieser Gegend.
Heinz Holls Restaurant, in dem sich einst die wichtigsten Vertreter des Berliner A- und B-Publikums – Angeber und Baulöwen – die Tische neideten, ist ebenso auf Nimmerwiedersehen verschwunden wie etwa das Hardtke in der Meinekestraße.Hausgemachte Sülze und handgerollte Kohlrouladen gelten als kulinarische Relikte einer Zeit, in der die Berliner Küche mit ihrem Dutzend Spezialitäten zwar nicht gerade Weltgeltung beanspruchte, aber Einmaligkeit schon. Vergangen, vergessen, vorüber, die Stadt isst chinesisch, französisch, italienisch, japanisch oder neudeutsch. Eisbein von der Riesensau, die den wöchentlichen Kalorienbedarf eines Müllmannes locker übertreffen, gehören nicht dazu.
Außer in der Schildkröte, jener unverfälschten Tränke mit der Kurfürstendamm-Adresse, der Eingangstür aber in der Uhlandstraße.
Eine mannshohe hölzerne Wandverkleidung, blanke Holztische, Bänke mit pflanzengemustertem Gobelinstoff. An der Wand ein Pferdehalter. Gott sei Dank erspart uns der Wirt die musikalische Beschreibung dieser Tatsache. Statt Bruce Low singt Herbert Grönemeyer.
Wir bekommen Platz an einem großen Ecktisch, der garantiert etliche Jahrzehnte Bierseligkeit und Kneipenkummer erlebt hat. Von der Rauhputzwand hinter uns lächelt Brigitte Mira, bestenfalls 40-jährig. Neben ihr blickt „Stachelschwein“Wolfgang Gruner zufrieden auf seine Mitmenschen.
Auch Brigitte Grothum, Harald Juhnke, Anita Kupsch, Elisabeth Volkmann und Frank Zander waren schon hier – wahrscheinlich in den goldenen Westberliner Zeiten.
Auch die weißbeschürzte Bedienung wirkt ein bisschen wie von anno dazumal – weder hipp noch hopp, sonder Service mit Würde. Wir sind Kellner, wer ist mehr. Weiße Hemden, Seidenkrawatten, distanzierte Freundlichkeit. Das heute vielerorts übliche studentische Du würde ihnen nie und nimmer über die Lippen kommen.
Natürlich gibt es die Speisekarte auch in englischer Sprache – wir sind schließlich am Kurfürstendamm und nicht in der Kreuzbergstraße. Die traditionelle Berliner Küche domoniert: Berliner Eisbein, Berliner Kartoffelsuppe, Berliner Teller, Rinderleber Berliner Art. Fay und Gary aus Plymonth, England, sind begeistert – ebenso wie zwei Französinnen, acht Spanier und eine Truppe Norweger. In der Schildkröte kann man für wenig Geld gut und reichlich essen. „Das war so, das ist so und das bleibt so“, sagt gastronomisches Berliner Urgestein.
Eine gerahmte Urkunde verrät: Bernd Zeiser, geboren 1949 in Berlin, Serviermeister seit 1979. Vor 20 Jahren übernahm er die Schildkröte, damals schon ein gastronomischer oldtimer. 1936 gegründet, überlebte das gastliche Haus Krieg und Nachkrieg und machte seinem Namen alle Ehre. Die Schildkröte, beharrlich, unaufgelegt und für hohes Alter bekannt.
Zeiser und seine Mannschaft praktizieren hier eine Art Gastronomie, die verbal schon so oft in die Mottenkiste verbannt wurde, die aber offenbar genauso wenig totzukriegen ist. Weshalb auch? Gute Hausmannskost und ein gepflegtes Bier haben immer noch ihre Fans. „It´s nice“, freuen sich Fay und Gary. Na bitte.
Schildkröte Kurfürstendamm 212
10719 Berlin
Tel. 030 – 88 16 770
Thomas Sell hätte durchaus in der Politik Karriere machen können. Der 53-jährige stammt aus Güteborn, einem Ort im südlichen Brandenburg, „in der niederschlesischen Oberlausitz“, sagt Sell. Er studierte Jura an der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg, arbeitete nach dem Diplom in Berlin für die evangelische Kirche, engagierte sich in der DDR-Opposition und war zu Wendezeiten Leiter des Amtes für Zivildienst. Der Aufstieg in irgendein Ministerium des wiedervereinten Landes schien nur eine Frage der Zeit.
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